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Jesus und LGBTQ+ (1): Homosexualität in der Bibel

Homosexualität. Kein anderes Thema scheint die christlichen Kirchen aktuell mehr herauszufordern und sogar zu spalten. Während die römisch-katholische Kirche als auch viele evangelische Freikirchen an konservativen Werten festhalten, ist es in nicht wenigen evangelischen Landeskirchen inzwischen an der Tagesordnung, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen und zu trauen. Doch was sagt eigentlich die Bibel zu dem Thema?


Eine große Regenbogenflagge auf einer Pride-Parade

LGBTQIA+. Dieses Akronym ist ein Sammelbegriff für Menschen, die nicht in das "heterosexuelle und binäre Raster" hineinpassen. Die einzelnen Buchstaben stehen für »Lesbisch, Gay (Schwul), Bisexuell, Transsexuell, Queer, Intersexuell und Asexuell«, das Plus am Ende für alle weiteren Identitäten, die in diesem Kollektiv noch einzuordnen wären. Es handelt sich dabei um die große politische Bewegung der letzten Jahre.


Darüber zu schreiben, ist für mich alles andere als einfach, da die Gefahr groß ist, Menschen vor den Kopf zu stoßen sowie schnell als homophob bzw. transphob abgestempelt zu werden. Ich bin sicherlich auch kein Experte noch selbst existenziell betroffen, was die Thematik anbelangt. Dennoch wage ich es, darüber aus theologischer bzw. christlicher Sicht zu schreiben, da es sich um ein unfassbar wichtiges Thema handelt, dem Christen oft ratlos gegenüber stehen. Mein Wunsch ist es, dir das Thema Homosexualität auf Grundlage der biblischen Texte näher zu bringen, damit du dir eine eigene fundierte Meinung bilden und somit letztlich im Alltag weise und respektvoll damit umgehen kannst.


Einige Vorbemerkungen


Gott liebt jeden Menschen. Ohne Wenn und Aber. Er liebt homosexuell empfindende Menschen ebenso sehr wie solche, die heterosexuell empfinden. Wenn wir uns in diesem Artikel also damit auseinandersetzen, was die Bibel zum Thema Homosexualität zu sagen hat, muss diese Wahrheit am Anfang stehen. Gott liebt dich und meint es wirklich gut mit dir - ganz gleich, wer du bist und wie du dich sexuell identifizierst.


Es muss auch gesagt werden, dass die christliche Kirche diese Liebe Gottes zu homosexuellen Personen jahrhundertelang alles andere als angemessen ausgedrückt hat. Die traurige Tatsache ist, dass massive Ausgrenzung, Unterdrückung und sogar Verfolgung im Namen des Christentums stattgefunden hat oder zumindest ungehindert zugelassen wurde (denn solches Unrecht geschah natürlich auch im nicht-christlichen Kontext). Das kann und darf keineswegs schöngeredet werden. Hier gilt es vielmehr, sich von Herzen bei Gott und den Menschen zu entschuldigen, von diesem falschen Umgang zu distanzieren und sich Jesus ganz neu zum Vorbild zu nehmen. Bei ihm sehen wir, wie er konstante Annahme und Barmherzigkeit geübt hat - besonders auch gegenüber den Menschen, die aus dem religiösen Raster der damaligen Zeit fielen.


Gott ist eben nicht homophob! Bedeutet das aber automatisch, dass er Homosexualität gutheißt? Das ist es ja, was unsere moderne Gesellschaft unter Liebe versteht: die ganzheitliche Bejahung und Akzeptanz meiner Person und meiner Verhaltensweisen. Doch hier ist es wichtig zu unterscheiden: ich kann eine Person sehr wohl lieben und dennoch andere Sichtweisen vertreten, ja sogar gewisse Dinge nicht gut finden. Wenn ich eine Person liebe, kann ich nicht automatisch alles Mögliche akzeptieren. Das wäre tatsächlich das Gegenteil von Liebe, nämlich Gleichgültigkeit. Zum Beispiel könnte ich die Drogensucht meines Partners oder Kindes nicht unterstützen, gerade weil ich sie liebe. Dasselbe gilt bei Gott. Weil er Menschen liebt, sagt er ein klares Nein zu Dingen, die entgegen seinen guten Absichten mit der Menschheit stehen.


Wie steht es nun um das Thema Homosexualität?


In der westlichen Gesellschaft wird der Sexualität bzw. dem sexuellen Empfinden mittlerweile ein enormer Stellenwert beigemessen. Solche, die eine traditionelle Sexualethik vertreten, werden mehr und mehr zu engstirnigen und teils auch hasserfüllten Personen mit rückständiger Weltansicht deklariert. Während darunter wohl auch die allermeisten Christen zählen, findet jedoch im christlichen Milieu zumindest teilweise ein Umschwung statt. Inzwischen gibt es nicht wenige Theologen und auch große Kirchen (zum Beispiel innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschland, EKD), die Homosexualität - unter gewissen Bedingungen - als Lebensstil befürworten und auch Segnungen und Trauungen von homosexuellen Paaren vornehmen. Diese sogenannte progressiv-revisionistische Sicht steht dabei im Kontrast zur traditionellen Sicht derjenigen, die aufgrund ihres Bibelverständnisses und dem Gewissen vor Gott ausgelebte Homosexualität nicht befürworten können.


Zu beobachten ist leider, dass die damit verbundenen Diskussionen oft sehr hitzig und hoch emotional sind, und eine fundierte, respektvolle Auseinandersetzung leider nicht die Norm darstellt. Wie jedoch manche Theologen deutlich machen, liegt dieser Debatte zur Homosexualität in Wahrheit eine tiefere Grundsatzfrage zugrunde. Nämlich: Welches Verständnis habe ich von der Bibel und welche Autorität spielt sie für uns heutzutage?¹ Das Schriftverständnis ist tatsächlich der Knackpunkt, von dem zahlreiche andere Fragen und Weichenstellungen abhängen.² Und während in der Vergangenheit der Kirche besonders die dogmatischen Fragen (Dreieinigkeit, Abendmahl usw.) debattiert wurden, geht es heute vor allem um ethische Themen.


Ich persönlich vertrete die evangelikale Sichtweise bezüglich der Bibel. Ich betrachte sie - meiner Meinung nach aus vielen legitimen Gründen - als das vollkommen inspirierte Wort Gottes, das - richtig verstanden - zeitlos gültige Wahrheiten vermittelt und somit auch für Gläubige des 21. Jahrhunderts höchste Autorität für den Glauben und das Leben besitzt. Daher kann ich auch die unangenehmen Stellen der Schrift nicht wegradieren oder für irrelevant erklären. Es handelt sich um das Wort des lebendigen Gottes, das wir ernst zu nehmen haben. Doch damit wir es richtig verstehen, müssen wir uns stets die Fragen stellen: Was wollten die von Gottes Geist inspirierten Verfasser mit ihren Texten aussagen und wie lassen sie sich auf heute anwenden?


Nach dieser längeren, aber durchaus wichtigen Einleitung wollen wir uns vor Augen führen, was die Bibel zum Thema Homosexualität zu sagen hat. Obwohl es nur eine Handvoll Stellen gibt, sind die Aussagen, wie wir sehen, doch sehr klar. Diese müssen jedoch im Rahmen der größeren Themen der Bibel verstanden werden. Denn "was die Bibel über Homosexualität sagt, ist längst nicht alles, was sie Homosexuellen sagen möchte - die christliche Botschaft umfasst viel mehr!"³

Die Sexualethik des Alten Testaments


Zunächst betrachten wir die Sexualethik des Alten Testaments. Es ist insofern sinnvoll, damit anzufangen, da hier die Schöpfung (und somit auch Sexualität) des Menschen präsentiert und somit Gottes ursprünglicher Plan mit uns deutlich gemacht wird. In 1. Mose 1,27-28 (BB) lesen wir:


Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.

Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch!


Hier begegnet uns die binäre und komplementäre Schöpfung des Menschen, als männlich und weiblich (siehe auch meinen Artikel: »Wer bin ich?« - Wie Gott den Menschen schuf). Gott segnet dieses Menschenpaar und spricht sie direkt auf ihre Sexualität an. Das erste biblische Gebot lautet: Seid fruchtbar. Also habt Sex und zeugt Nachkommen. Diese überaus intime Verbindung zwischen Mann und Frau wird von Gott in den Rahmen der Ehe verordnet (1. Mose 2,24; Matthäus 19,4-6) und den beiden gewissermaßen als Hochzeitsgeschenk überreicht. So weit, so gut.


Doch die Abwendung des Menschen von Gott und seinen guten Geboten (1. Mose 3) betraf auch den Bereich der Sexualität. Bereits das Alte Testament weiß um das starke sexuelle Verlangen im Menschen und die Gefahr, dieses innerliche »Brennen« (1. Korinther 7,9) außerhalb der gesunden Grenzen des Schöpfers auszuleben. An zwei Stellen ist im Alten Testament deshalb auch die Rede vom homosexuellen Geschlechtsverkehr. Diese Texte befinden sich im Buch Levitikus, und zwar im Rahmen des Heiligkeitsgesetzes (3. Mose 17-24). Gottes Volk Israel soll heilig sein, wie Gott heilig ist (3. Mose 19,2), also Gottes Wesen widerspiegeln und nach seinen Ordnungen inmitten einer gottlosen Welt leben.


Während homosexuelle Praktiken bei den umliegenden Nationen bekannt und teils auch beliebt waren, verwehrt Gott seinem Volk dieses Verhalten (neben vielen anderen). Die Aussagen lauten:


Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: Ein Gräuel ist es.


Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Gräuel verübt.

Sie müssen getötet werden; ihr Blut ist auf ihnen.


Was fangen wir mit diesen für moderne Ohren unerträglichen Aussagen an? Nun, wir müssen sie in ihrem historischen Kontext verstehen. Es handelt sich um über 3000 Jahre alte Anordnungen für das antike Volk Israel. Diese sollten sicherstellen, dass Gottes Schöpfungsordnung inmitten einer gottlosen Welt bestehen bleibt. Selbstverständlich sind Gläubige heutzutage nicht dazu aufgerufen, diese Gebote in die Tat umzusetzen und gewalttätig zu werden. Ebenso wenig, wie andere alttestamentliche Gesetze für Christen verbindlich sind - es sei denn, das Neue Testament bestätigt sie. Immerhin leben wir durch Jesus Christus unter dem Neuen Bund (Matthäus 26,28), was unter anderem bedeutet, dass wir uns nach den Lehren und Geboten von Jesus und den Aposteln richten.


Das Alte Testament hat also eine sehr deutliche Ansicht von Sexualität. Der einzig legitime Rahmen ist die verbindliche Ehe zwischen Mann und Frau. In den alttestamentlichen Büchern ist an einigen Stellen auch die Rede von Polygamie oder scheußlichen Verbrechen wie Vergewaltigung, jedoch aus dem schlichten Grund, dass die Bibel die geschichtlichen Begebenheiten akkurat wiedergeben möchte, ohne sie zu vertuschen oder gutzuheißen. Doch welche Aussagen trifft das Neue Testament über Homosexualität? Bestätigt es die sexualethische Lehre des Alten Testaments?

Homosexualität im Neuen Testament


In den neutestamentlichen Schriften finden sich genau genommen nur drei Texte, die auf homosexuelles Verhalten zu sprechen kommen. Diese Stellen sind aber alles andere als unumstritten, sowohl was ihren theologischen Aussagen als auch ihre zeitlose Gültigkeit betrifft. Die betreffenden Verse sind folgende:


1)


Aus diesem Grund hat Gott sie entehrenden Leidenschaften preisgegeben. Die Frauen vertauschten den natürlichen Geschlechtsverkehr mit dem widernatürlichen, und genauso machten es die Männer. Statt mit Frauen zu verkehren, wie es der natürlichen Ordnung entspricht, wurden sie von wildem Verlangen zueinander gepackt; Männer ließen sich in schamlosen Treiben mit anderen Männern ein.


2)


Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, homosexuelle Beziehungen eingeht, stiehlt, geldgierig ist, trinkt, Verleumdungen verbreitet oder andere beraubt, wird an Gottes Reich teilhaben.


3)


Nun, das Gesetz ist, wie wir alle wissen, gut und nützlich - vorausgesetzt, man wendet es in der ihm angemessenen Weise an [...] Es richtet sich nicht gegen den, der ein Leben nach Gottes Willen führt, sondern gegen diejenigen, deren Leben im Widerspruch zu seinen Ordnungen steht und die sich gegen ihn auflehnen. Es richtet sich gegen gottlose und sündige Menschen, denen nichts heilig ist und die keine Ehrfurcht kennen, die gegenüber ihrem Vater und ihrer Mutter gewalttätig werden, nicht vor einem Mord zurückschrecken, ein ehebrecherisches Leben führen, homosexuelle Beziehungen eingehen, Menschenhandel treiben, Lügen verbreiten, falsche Eide ablegen oder sonst etwas tun, was mit der gesunden Lehre unvereinbar ist.


Zu 1)


Im ersten Kapitel des Römerbriefes findet sich die - laut einigen Theologen - entscheidendste Stelle über Homosexualität. In dem zusammenhängenden Abschnitt (Römer 1,18-32) zeigt der Apostel Paulus auf, dass die gesamte Menschheit sich von Gott und der ihm zustehenden Anbetung abgewendet hat und stattdessen Begierden entwickelte, die Gott und seinen Ordnungen entgegenstehen. Hierunter fällt auch homosexuelles Verhalten; als eines von vielen Beispielen, die zum einen aufzeigen, welche Auswirkungen die Abwendung von Gott mit sich brachte (alle Menschen sind Sünder: Römer 3,10-18) und zum anderen, dass der Mensch Gnade benötigt (die wir bei Jesus Christus empfangen: Römer 3,22-24).


Paulus möchte an dieser Stelle also die kollektive Situation ansprechen. Die gesamte Menschheit ist mit einer Krankheit befallen, der Macht der Sünde (= Rebellion gegen Gott), die sich in unterschiedlichen Symptomen erweist. Das ist ein wichtiger Punkt. Diese Verse sagen nämlich nicht, dass sich Personen mit homosexuellen Empfindungen mehr von Gott abgewandt haben als andere. Ausgelebte Homosexualität ist weder die schlimmste noch einzige Art von Sünde, anders als es manche Christen in der Vergangenheit wohl unabsichtlich kommuniziert haben. Jeder Mensch trägt Begierden in sich, für die er eigentlich nicht gemacht ist (lies Römer 1 gerne bis zum Ende durch). Doch hier wird auch deutlich, dass es nicht wahr ist, wenn Menschen mit gleichgeschlechtlicher Anziehung sagen: "Gott hat mich so geschaffen". Wie Sam Allberry treffend schreibt: "Wenn ich Dinge begehre, die Gott verboten hat, wird sichtbar, wie die Sünde mich verbogen hat - nicht, wie Gott mich geschaffen hat."


Ganz wichtig ist hierbei anzumerken: die Begierde bzw. das homosexuelle Empfinden allein ist noch keine Sünde. Gleichgeschlechtliche Anziehung ist zunächst einmal einfach vorhanden, ohne dass die Person sich der Ursache für dieses Gefühl bewusst sein mag.Die Bibel differenziert nicht zwischen homosexuellem Empfinden / homosexueller Identität und ausgelebter Homosexualität, wie das ja heutzutage der Fall ist. Wenn sie über Homosexualität spricht, ist stets vom Ausleben der Begierde die Rede. Das Empfinden selbst wird somit also nicht als Sünde bewertet, "lediglich" die Handlung.


Im Übrigen wird in diesen beiden Versen auch deutlich, dass sich die biblische Ablehnung von homosexuellem Verhalten nicht bloß auf Päderastie, also die besonders im antiken Griechenland prominente und ausbeuterische Beziehung zwischen einem erwachsenen Mann und einem Jüngling, bezieht, wie manchmal behauptet wird. Hier werden nämlich ausdrücklich beide Geschlechter erwähnt (auch die homoerotische Beziehung zwischen zwei Frauen). Wie ich weiter unten noch erläutere, waren gleichgeschlechtliche und verbindliche Liebesbeziehungen schon damals durchaus bekannt, sodass die biblische Bewertung auf jegliche Form von aktiver Homosexualität angewendet werden muss.


Zu 2 und 3)


In 1. Korinther 6,9-10 führt Paulus eine Liste von unmoralischen Verhaltensweisen an, die eine Person aus dem Reich Gottes ausschließen. Auffällig ist, dass Paulus an dieser Stelle ganze viermal auf sexuelle Sünden Bezug nimmt. In der wörtlicheren »Elberfelder Übersetzung« (ich habe oben die Neue Genfer Übersetzung verwendet) ist die Rede von "Unzüchtigen (=jeglicher Geschlechtsverkehr außerhalb der heterosexuellen Ehe), Ehebrechern, Weichlingen (männliche Prostituierte bzw. der passive Part im homosexuellen Akt) und mit Männern Schlafende (allgemein der gleichgeschlechtliche Verkehr bzw. der aktive Part im homosexuellen Akt)". Paulus macht also - wie auch in 1. Timotheus 1,8-10 - deutlich, dass jegliche ausgelebte Sexualität außerhalb der verbindlichen Ehe von Mann und Frau nicht mit dem Absichten Gottes übereinstimmt; worunter auch explizit die aktive Homosexualität genannt wird.


Auch wenn es der modernen, sexualisierten Gesellschaft diametral entgegensteht, sehen wir in den Texten des Alten und Neuen Testamentes, dass homosexuelle wie auch heterosexuelle (!) Sünde eine sehr ernste Angelegenheit in Gottes Augen ist. Personen, die einen solchen Lebensstil praktizieren, werden keine Anteilhabe am Reich Gottes haben. Wer etwas anderes lehrt (beispielsweise bedingungslose Toleranz dieser Formen der Sexualität), schickt Menschen letztlich in ihr Verderben. Besonders geistliche Leiter haben daher die große Verantwortung, Sünde liebevoll (!) beim Namen zu nennen (vgl. Jeremia 23,22) und Menschen zu helfen, ein Leben nach Gottes guten Absichten zu leben.


Diese Sicht auf Sexualität darf natürlich keineswegs zu Verurteilung von (konservativen) Christen gegenüber anderen führen. Auch mir geht es bei diesem Artikel nicht darum, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die ihre Sexualität (ob homosexuell oder heterosexuell) außerhalb der Ehe ausleben. Mein Anliegen ist es, Gottes Sicht der Dinge darzustellen. Und das als jemand, der in diesem Bereich selbst oft genug versagt hat. Doch das biblische Zeugnis lässt uns nicht mit unseren Fehlern stehen. Gerade, weil wir Menschen die Gebote Gottes übertreten haben, kam Jesus Christus auf die Welt, um die Strafe für unsere Schuld zu bezahlen (Römer 5,8) und uns von der Macht der Sünde zu befreien (Johannes 8,34-36). Bei Jesus finden wir sowohl vollkommene Vergebung (Epheser 1,7) als auch einen kompletten Neuanfang (Johannes 8,11; 2. Korinther 5,17).


Das darf und muss uns bezüglich der Sexualität und ihrem krassen Stellenwert in unserer Gesellschaft klar sein: es gibt einen Ausweg aus dem unmoralischen Lebensstil. In Christus sind wir nicht mehr diejenigen, die wir einmal waren. Deswegen geht es in 1. Korinther 6,11 (NGÜ) weiter:


Auch ihr gehörtet zu denen, die so leben und sich so verhalten – zumindest einige von euch. Aber das ist Vergangenheit. Der Schmutz eurer Verfehlungen ist von euch abgewaschen, ihr gehört jetzt zu Gottes heiligem Volk, ihr seid von aller Schuld freigesprochen, und zwar durch den Namen von Jesus Christus, dem Herrn, und durch den Geist unseres Gottes.


Das ist die wunderbare Botschaft des Christentums: Gott nimmt dich so an, wie du bist - doch er liebt dich zu sehr, um dich so zu lassen. Und hier spricht uns Gott zu: ein sündiger Lebensstil (wie zum Beispiel ausgelebte Homosexualität) ist nicht unausweichlich; auch wenn Gefühle und Versuchungen bleiben mögen. Denn auch viele Christen empfinden tatsächlich in irgendeiner Weise gleichgeschlechtliche Anziehung. Doch das diskreditiert sie keinesfalls in ihrer Identität als Kinder Gottes. Was uns nämlich als Christen ausmacht, ist nicht so sehr unser (sexuelles) Empfinden, sondern wie wir damit umgehen.Und dabei haben wir die Zusage, dass der Heilige Geist uns hilft, sündige Verhaltensmuster in unserem Leben zu überwinden bzw. aufzugeben (Römer 8,3; 2. Timotheus 1,7).


Aber was sagte Jesus?


Nun gut, wir haben gesehen, wie der Apostel Paulus ausgelebte Homosexualität einordnet. Aber als Christen richten wir uns doch nach Jesus. Und laut der Bibel hat sich Jesus kein einziges Mal zu einem homosexuellen Lebensstil geäußert.


Diese Argumentation begegnet uns heutzutage nicht selten. Doch ist sie berechtigt?


Zunächst einmal ist es ein theologischer Fehler, Jesus gegen Paulus auszuspielen. Immerhin ist es Jesus selbst gewesen, der Paulus begegnet ist und ihn beauftragt hat, seine Botschaft zu verbreiten (Apostelgeschichte 9,1-16; Galater 1,11-12). Seine Worte geschahen in der Autorität des Herrn (vgl. 1. Korinther 14,37; 2. Petrus 3,2). Daher sind alle Texte des Neuen Testamentes als von Gottes Geist inspiriert und für Christen autoritativ zu betrachten (vgl. 2. Timotheus 3,16). Wer sich nach Jesus ausrichten möchte, tut gut daran, das gesamte Neue Testament zu lesen und entsprechend zu handeln (vgl. Johannes 8,31-32).


Und auch wenn Jesus nicht direkt über das Thema Homosexualität gesprochen hat, heißt das noch lange nicht, dass er homosexuelle Verhaltensweisen abgesegnet hat. Er redete ebenso nicht über Vergewaltigung oder Kidnapping, aber natürlich heißt er beide Dinge keineswegs gut. Vielmehr hat Jesus als Jude in der jüdischen Kultur gelebt und ist sich mit den meisten seiner jüdischen Zeitgenossen einig über gewisse Sichtweisen und Werte gewesen. Wenn Jesus also nicht (viel) über ein Thema sprach, dann entweder, weil es sich um eine Nebensache handelt oder eine Selbstverständlichkeit darstellt. In Bezug auf die Homosexualität war es bei Jesus Letzteres. Immerhin bestätigte er die Lehren des Alten Testamentes (Matthäus 5,17), inklusive der Sexualethik.


Doch Jesus trifft tatsächlich Aussagen zur Sexualität, die mit denen von Paulus offensichtlich übereinstimmen.


Zum einen spricht er davon, dass das menschliche Herz (und nicht äußere Umstände) den Menschen vor Gott unrein werden lassen, da aus unserem Inneren allerlei böse bzw. Gott entgegengesetzte Dinge hervorgehen, wie zum Beispiel die sogenannte Unzucht (Markus 7,21-23). Das griechische Wort hierfür lautet porneia (woher unser Wort »Porno« stammt). Es bezeichnet "jede Art illegitimen Geschlechtsverkehrs", also alle sexuellen Beziehungen außerhalb der monogamen Ehe von Mann und Frau. Darin eingebunden ist der homosexuelle Geschlechtsakt, der laut dem jüdischen Denken (und somit Jesus) der Schöpfungsordnung Gottes widerspricht.


In Matthäus 19,4-6 bezieht sich Jesus außerdem - wie Paulus (Epheser 5,31) - auf die Schöpfung des Menschen in 1. Mose 2 und bestätigt damit seine Sicht von der Sexualität im Rahmen der Ehe. Doch Jesus weiß auch um diejenigen, die aus dem normativen (heterosexuellen) Raster fallen. Er spricht von den sogenannten Eunuchen (Matthäus 19,10-12), also solchen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, eine heterosexuelle Ehe einzugehen. Sei es, dass sie von Geburt an dazu unfähig sind (zum Beispiel aufgrund des homosexuellen Empfindens), durch äußerliche Umstände oder eine freiwillige Selbstentscheidung. Jesus sieht diese Menschen und ist weit davon entfernt, ihren Wert oder ihre Würde zu vermindern (wie es in seiner jüdischen Kultur gegenüber unverheirateten Erwachsenen oft der Fall war).


Was wir bei Jesus also sehen ist, dass er sexuelle Aktivität außerhalb der Ehe tatsächlich verurteilt, da er sie lediglich im Gott-gegebenen Rahmen der Ehe als legitim erachtet. Gleichzeitig nennt er die einzige Alternative zur Ehe, die in Gottes Augen angebracht ist, und zwar Enthaltsamkeit. Hier gibt es für Jesus offensichtlich keine dritte Option. Doch Jesus ist weit davon entfernt, Sex derart zu priorisieren, wie es bei uns der Fall ist. Er relativiert seine Bedeutung und stellt klar, dass ein erfülltes, sinnvolles Leben nicht im Ausleben der sexuellen Begierden zu finden ist, sondern im Leben für das Königreich Gottes (Matthäus 6,33). Wer dies tut, wird bis in alle Ewigkeit gesegnet sein (Matthäus 19,27-29; Lukas 11,28).


Einwände


Zunächst einmal gilt es festzuhalten: "Wer homosexuellen Geschlechtsverkehr – unter bestimmten Bedingungen – befürworten will, muss dies im Widerspruch zu den Aussagen der Heiligen Schrift tun“.


Natürlich gibt es zu diesen theologischen Aussagen zahlreiche Einwände.


Einige Personen werfen zum Beispiel ein, dass es gleichberechtigte Liebesbeziehungen, wie wir sie heute kennen, damals gar nicht gegeben habe. Es handle sich lediglich um selbstsüchtige, ausbeuterische Formen. So plausibel das zunächst klingen mag; die historischen Belege weisen dieses Argument zurück. Wie etwa der neutestamentliche Theologe Armin Baum herausgestellt hat, war das Konzept einer homosexuellen (sowie bisexuellen) Orientierung sehr wohl geläufig.Sowohl römische als auch griechische Quellen sprechen von homosexuellen Beziehungen zwischen gleichaltrigen Erwachsenen. Beispielsweise pflegte der im 1. Jahrhundert lebende Kaiser Nero eine eheliche Liebesbeziehung zu einem (kastrierten) Mann.¹⁰ Tatsächlich stellten zahlreiche antike Autoren Überlegungen an, welche Ursachen die homosexuelle Empfindung wohl haben könnte.


Andere wiederum berufen sich auf das Prinzip der Liebe (vgl. Matthäus 22,36-40), dem alle anderen Gebote untergeordnet werden müssen. In etwa: "Wenn Liebe im Spiel ist, kann es doch nicht falsch sein." Diese Argumentation ignoriert jedoch die Tatsache, dass es nicht das Anliegen von Jesus war, verbindliche Gebote (die er selbst in ihrer Gültigkeit bestätigte; siehe oben) aufzuheben. Jesus sprach nicht von einer Art "magischer Liebeskraft", die die Ordnungen Gottes automatisch übertrumpft. Vielmehr ist die biblische Sicht der Liebe nicht zu trennen von einem Leben nach den Geboten Gottes. Derjenige, der Jesus wirklich liebt und ernst nimmt, zeigt dies anhand seines Gehorsams zum Wort Gottes (Johannes 14,15.21.23).


Deswegen kann auch eine treue und verbindliche homosexuelle Liebesbeziehung, so gerne wir das vielleicht bejahen mögen, nicht mit einem christlichen Lebensstil in Einklang gebracht werden. Paulus zeigt etwa in 1. Korinther 5, dass das Verhältnis eines Mannes zu seiner Schwiegermutter nicht zu rechtfertigen ist. Dabei achtet er nicht darauf, ob dieses Paar in Treue und Hingabe zueinander lebt. Vielmehr klassifiziert er diesen Fall als »Unzucht«, also eine sexuelle Verbindung, die der Sexualethik Gottes widerspricht (vgl. 3. Mose 18,8) und somit nicht gutgeheißen werden kann. Dauerhaftigkeit und Treue machen eine unerlaubtes Verhältnis nicht weniger sündhaft.


Fazit


Diese biblische Sichtweise auf (Homo-)Sexualität gilt in der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts als überholt und intolerant. Das sollte uns jedoch nicht verwundern, immerhin war dies bereits bei den ersten Christen der Fall. Die Autoren David Gooding und John Lennox schreiben in ihrem Buch über die Ethik folgendes:


"Im Hinblick auf die Sexualmoral ähnelte die griechisch-römische Welt, in die das Christentum hineingeboren wurde, stark unseren heutigen freizügigen Gesellschaften. Unverbindlicher und insbesondere vorehelicher Sex gehörten zum normalen, akzeptierten Verhalten; er war sogar so normal, dass es viele Leute als äußerst seltsam und beinahe undenkbar empfunden hätten, wenn man ihre Moral deswegen infrage gestellt hätte."¹¹


Gläubige Juden und Christen lehrten und lebten jedoch danach, dass Sexualität in den Rahmen der Ehe von Mann und Frau gehört. Obwohl die Gesellschaft - damals wie heute - also komplett fein damit war und ist, sich außerhalb dieser Anordnung Gottes sexuell zu vergnügen, sind Christen aufgerufen, eine Kontrastgesellschaft darzustellen. Nicht verurteilend und sich nicht als etwas besseres fühlend. Sondern liebevoll und barmherzig, aber dennoch zu Gottes Werten und Prinzipien stehend.


Einer christlichen Ethik, die das Wort Gottes ernst nimmt - und meiner Meinung nach nur dann als christlich bezeichnet werden kann - bleibt nichts anderes übrig, als die ausgelebte Sexualität in die Ehe von Mann und Frau zu verorten. Eine Befürwortung von ausgelebter Homosexualität steht im Widerspruch zum Zeugnis des Neuen Testamentes und somit der Lehre von Jesus Christus.


Für diejenigen unter euch, die ihre Sexualität bisher anderweitig ausgelebt haben: Ja, Jesus fordert dich auf, diesen Lebensstil aufzugeben. Gleichzeitig vergibt er denen, die Buße tun (sich von der Sünde abwenden) und sich ihm anvertrauen. Das Evangelium befreit uns auch von dem Denken, dass Sex unerlässlich für ein erfülltes Leben ist. Bei Jesus finden wir ein Leben, dass uns zwar einiges kosten mag, aber letztendlich viel Größeres und Besseres zu bieten hat!


Was die Ergebnisse dieses Artikels nun für die Praxis bedeuten - sowohl für das homosexuell empfindende Individuum als auch unseren Umgang als Gemeinden mit dem Thema - darüber schreibe ich im nächsten Beitrag.


Sei gesegnet!


 

¹ So z.B. Johannes Traichel (2022): Evangelikale und Homosexualität, S. 262

² Vgl. Markus Till (2019): Zeit des Umbruchs, S. 153

³ Sam Allberry (2021): Ist Gott homophob?, S. 34-35. Der Autor ist ordinierter Pastor, empfindet homosexuell und lebt als abstinenter Single.

⁴ Sam Allberry (2021): Ist Gott homophob?, S. 43

⁵ Die Ursachen zur Entstehung von Homosexualität konnten bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Es spielen wohl verschieden Faktoren eine Rolle.

⁶ Vgl. Sam Allberry (2021): Ist Gott homophob?, S. 61

⁷ Bauer / Aland (1988): Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, S. 1389

⁸ Markus Till (2019): Zeit des Umbruchs, S. 151

⁹ Ebd.

¹⁰ Dr. Bernhard Olpen; David Koontz (2023): Podcast Wahn & Sinn. Homosexualität: Was sagt die Bibel dazu? 00:54:03 - 00:54:44

¹¹ David Gooding / John Lennox (2021): Was sollen wir tun?, S. 263


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